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Wochenimpuls vom 01.07.2020

HIER. Bei DIR

© Prof. em. Hans Schneider (Geyersberg) - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26061202;  F.Krüger, Hersel; U.Trimpert,Kardorf

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Jazz im Garten

(von einem Seelenverwandten…)

Es ist spät am Abend, fast Mitternacht. Ich sitze draußen auf meinem Lieblingsplatz, einer kleinen Treppe und höre Jazz. „One quiet night“ von Pat Metheny. Die perlenden, ruhigen warmen Klänge, die gezupfte Akustikgitarre mit einem bezaubernden und tiefen Timbre fließen in eine augenblicklich ruhige Nacht, in einen Raum von Rhythmus und Kontemplation. Es ist ein Gefühl der glücklichen Schwerelosigkeit, gepaart mit der Leichtigkeit des schönen Sommerwindes, der mich umspielt. Ich schaue zum Himmel, ahne nur noch ganz leicht die Konturen des Kirchturmes von St. Joseph, der mit dem Himmel zu verschmelzen scheint.

Die Musik verwebt sich mit meinem Blick in die Sterne, wie eine dankbare Reise in die Anderswelt. Ich denke an schwere aber auch schöne, oft unerwartet geschenkte, leuchtende Momente und Augenblicke der vergangenen Wochen und Monate. Und während die Sterne mir zuzulächeln scheinen, höre ich die berührenden biblischen Worte Kohelets (Koh 3, 1-9), die all das beschreiben, was zu einem ganzen Menschenleben gehört: „Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit der Stille, eine Zeit der Trauer, eine Zeit des Schmerzes und eine Zeit der herzlichen Erinnerung. Es gibt eine Zeit zum Lachen, und es gibt eine Zeit zum Weinen, es gibt eine Zeit zum Leben und zum Sterben.“ Er lässt uns erkennen, dass uns das Leben neben allen Mühen und Schweren auch das Schöne schenkt. Ein faszinierender zeitloser Text, entstanden als Spiegel menschlicher Lebenserfahrungen und Gefühlen, keine Regung der menschlichen Seele fehlt. Und ich fühle mich in meinem kleinen Garten eins in dieser großen Geborgenheit mit dem Universum, verbunden mit dem Gestern und dem Morgen. Es ist an diesem Abend als spürte ich den großen Segen, diese kraftvolle Wirkkraft Gottes, die uns mit dem Leben geschenkt ist.

Die Stimmung an diesem Abend ist besonders. Ein Hauch von Rosmarin, Lavendel und Rose liegt in der Luft. Ganz in der Nähe spielt eine Gitarre und ich überlege, meine Gitarre nach draußen zu holen und mit einzustimmen. Von den Sternen fällt mein Blick in den fast dunklen Garten. Mit jedem weiterem Moment des Dunkelwerdens verändert sich mein Blick. Ich denke an meine Rose. Ich kann sie erahnen, kann sie nicht  sehen, glaube aber, ihre Schwingungen, ihre Seele zu hören, so als suche sie das Gespräch mit mir. Sie treffen auf mein Herz und erzeugen eine wohltuende Zeit des Verharrens. Abendlicht ist Licht der Zwischentöne. Die Blätter der Hecke kontrastieren fast magisch den letzten Hauch der untergehenden Sommersonne, die Bäume malen mit ihren großen Fächern Muster in den Nachthimmel. Die Sterne, das gebrochene Licht, einer Kerze umrahmen diese Kunst des Augenblicks. Ist da jemand? Bist Du das, Gott? Da stehen sie, meine kleinen und großen bunt durcheinander gewürfelten Tontöpfe mit mediterranen Sommerpflanzen und Kräutern, für die ich mit viel Liebe einen Platz ausgesucht habe. In Gedanken habe ich sie alle vor Augen. Sie bringen mich zum Klingen. Es ist Musik durchs Betrachten, die entsteht. Die kleine Sommerwiese mit den Wildkräutern und Gänseblümchen, die unorthodoxe kleine Baumwurzel, die sich einen Weg in die Freiheit gesucht und gefunden hat, der schiefe Beetabschluss, den ich schon immer neu setzen wollte, das alte Wagenrad, das an der Hauswand lehnt und in dessen Speichen sich blühende Blumen in allen Farben wiederfinden, meine Treppe, die gesäumt ist von Pflanzen in kleinen alten Schubladen, die ich meistens aus dem Moment heraus ausgesucht habe. Ich erahne meine Holzwurzel mit etwas mystischen Blick, die ich im Rahmen von „ora et labora“, einem Bildhauerwochenende mit Diakon Ralf Knoblauch im Pfarrgarten von Bonn-Lessenich, vor vielen Jahren einmal bearbeitet habe, der Gartenschlauch, frische Blumenerde, noch kreuz und quer auf den Steinplatten, weil ich vergessen hatte, sie wegzuräumen. Eine Momentaufnahme, und ich muss lachen über den Jazz in meinem Garten. Denn Jazz heißt nichts anderes, als dass die Improvisation des Lebens aus dem persönlichen Erleben heraus geschenkt, komponiert und geboren wird, wenn uns die Musik berührt und die Seele zu schweben beginnt – und, um  mit dem großen französischen Jazzsaxophonisten Michel Portal zu sprechen, „frei zu sein, zu schweben, zu träumen.”

Immer noch sitze ich auf der Treppe, meinem Lieblingsplatz. M(eine) Treppe, Ort des erleichternden Auf- und Abstiegs, der Verbindung von unten nach oben, nicht immer leicht, aber auch ein Zwischenraum zum Innehalten. Nicht mehr hier, noch nicht dort, Zeit, wie heute Abend, den Blick und die Gedanken schweifen zu lassen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich dort so gerne verweile. Dabei erinnere ich mich an Treppen meines Lebens, an die Treppe in meinem Elternhaus, fünfzehn Stufen insgesamt. Ich habe sie immer gezählt, wenn man sich leise nach unten schleichen wollte. Da waren die Treppenstufen im Haus meiner Großeltern in Darmstadt und dem Spiel, wer von uns Schwestern schafft es, am schnellsten an der Tür zu sein. Ich denke an ausgetretene Treppenstufen zum Strand, romantische alte Treppen ins toskanische Nirgendwo, Treppen der Verliebtheit, die spanische Treppe in Rom, die Treppe zu Montmartre in Paris, an ungeliebte Kellertreppen, Krankenhaustreppen, wenn jede Stufe zur Qual wird, man inne hält und die ganze Last fühlt und nicht weiter möchte, den stairway to heaven in meiner Jugend, die von unzähligen Füßen polierten Steintreppen auf den Kirchturm oder an das Treppensteigen mit einem kleinen schlafenden Kind im Arm. Wie viele Stufen sind wir in unseren Leben wohl schon hoch oder heruntergelaufen?

Ich sammle immer noch Gedichte. Als ich mit meinem Studium begonnen habe, erinnere ich mich gut, hat mir eine liebe Freundin das Gedicht „Lebensstufen“ von Hermann Hesse in mein Gedichtbuch geschrieben. Ich höre sie noch sagen: „Ute, das Gedicht bedeutet mir sehr viel. Meine Großmutter hat es mir auch geschenkt“. Sie werden es kennen:

 

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Da stand ich nun mit meinen 20 Jahren, die Lebensstufen von Hermann Hesse in der Hand, und heute lese ich es im Rückblick auf mein Leben, immer wieder mit großer Dankbarkeit. Heute Abend, auf meiner Treppe, muss ich daran denken. Und mir wird klar, was Hermann Hesse versuchte, wie vor ihm Kohelet, in Worte zu fassen, worauf es ankommt im Leben; dass uns die verschiedenen Stufen unseres Lebens geschenkt werden, wir nicht gegen sie arbeiten, sondern mit Reife diese unsere Zeit reflektieren und segnen dürfen. Meine kleinen, großen, schmalen, breiten ausgetretenen, polierten, Stufen geben mir Halt, ich vertraue darauf, dass sie mir den Weg zum Leben, zum Neubeginn, dem Zauber eines jeden neuen Anfangs zeigen und hinführen, sei es in großen oder kleinen Schritten, im festen Vertrauen, dass ich mich festgehalten und geleitet fühlen darf auf dieser Treppe des Lebens, von dem, der mir immer entgegenkommt, und mich, wie im Jazz, frei werden, schweben, träumen und damit hoffen und lieben lässt.

Den Zauber des Anfangs, der beschützt und hilft zu leben, das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!

Alles hat seine Zeit!

Seien Sie behütet in allem, was ist.

Ihre und Eure Ute Trimpert

Für die Pastoralteams der Seelsorgebereiche Alfter, Bornheim-Vorgebirge und Bornheim An Rhein und Vorgebirge

 

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Du bist für deine Rose verantwortlich…"

(aus “Der Kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry)