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Wochenimpuls vom 26.08.2020

 Hier gibts den Wochenimpuls als pdf.

Hier bin ich (Jesaja 6,8)

Vor wenigen Wochen erhielt ich das Schreiben unseres Herrn Kardinals und Erzbischofs Rainer Maria Woelki, in dem er mir mitteilte, dass ich ab 1.09.2020 unter Beibehaltung meiner bisherigen Aufgaben zusätzlich in allen Pfarreien des Seelsorgebereichs Bornheim-An Rhein und Vorgebirge und des Seelsorgebereiches Alfter als Gemeindereferentin beauftragt sei. Als ich dieses Schreiben schwarz auf weiß in der Hand hielt, war das ein Stück weit auch ein Innehalten, ein Nachdenken über meinen Weg in den pastoralen Dienst der Kirche von Köln und des bischöflichen Auftrags für mich. Es war ein Zurückblicken auf meinen Weg, den ich heute auch als meinen Emmausweg bezeichne, begleitet von vielen Erfahrungen, Begegnungen, Augenblicken des Lebens, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, aber gleichzeitig auch ein erwartungsvolles nach Vorneblicken auf das, was kommt, was sein wird, was ich sehen werde. Hat Jesus nicht zu den Jüngern gesagt „Kommt und seht“ (Joh 1,38)?  Seine Aufforderung hat nichts an Aktualität eingebüßt. Sie ruft mich, meine Kollegen und Sie alle, über die Jahrhunderte hinweg, Kirche als Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, miteinander, füreinander und gemeinsam in allen drei Seelsorgebereichen zu gestalten.

Gerne möchte ich mit Ihnen einige meiner Momente des Zurückschauens und persönlichen Gedanken teilen. Wo soll ich anfangen? Und ich merke, dass ich gar nicht so lange zurückzugehen brauche. Vor fast genau zwei Jahren, im September 2018, wurde ich in einer feierlichen Beauftragungsmesse im Kölner Dom gemeinsam mit fünf meiner Kollegen als Gemeindereferentin im Erzbistum Köln durch Weihbischof Ansgar Puff beauftragt und in die Gemeinde ausgesendet. Eine lange Zeit des Studiums und der pastoralen Ausbildung, des gemeinsamen Weges ging für uns damit zu Ende. In Vorbereitung auf diesen besonderen Tag der Beauftragung und eingebunden in die Stille des Tagesablaufes eines Klosters im französischen Mazille in Burgund wurden wir beschenkt, noch einmal hinein zu spüren auf unseren Auftrag und unsere kommende Aussendung in die Gemeinden. Im Rückblick nenne ich es heute eine geschenkte und berührende Zeit, weil die Stille und Abgeschiedenheit dieses Karmelklosters de la Paix – des Friedens, eingebunden und getragen in die Tagzeitenliturgie der Schwestern in mir ein besonderes Gefühl der Ruhe, des Friedens, der Freiheit und Vorfreude aufkommen ließ – ein wahrhaft bezaubernder Ort in der sanft hügeligen Landschaft Südburgunds, der französischen Toskana, der zarte Duft der Apfelbäume, die heranreifenden Trauben in den Weinbergen, in den Blättern der Bäume das zaghafte Ahnen des nahenden Herbstes, den fast biblischen Schaf- und Viehherden, den zu bewirtschaftenden Feldern der Ordensfrauen und ein atemberaubender, unendlich weiter Sternenhimmel im Dunkel der Nacht. Die Karmeliterinnen, deren Ordensgründerin die große lebensnahe Teresa von Avila war, eine Frau , die mich noch heute zum Lächeln bringt mit ihren zum Herzen gehenden Aussprüchen von Frau zu Frau, sie sagen selbst, dass ihr Kloster ein Ort der Stille und der Hoffnung sei. Ich nenne es auch geschenkte Zeit, weil wir an diesem friedlichen Ort den Raum bekamen uns auf unseren Auftrag noch einmal geistlich vorzubereiten – sozusagen DAS geistlich zu verkosten, was Beauftragung überhaupt heißt, darüber mit mir selbst im Klaren zu sein verbunden mit der Frage meines  Selbstverständnis als Gemeindereferentin. An drei Gedanken, die mir am Herzen liegen und mich während dieser Tage begleitet haben, möchten ich Sie gerne teilhaben lassen:

 

Da ist die Taufe – mein erster Gedanke

In der Taufe geschieht Entscheidendes. Gott spricht zu mir: „Du bist mein Geliebtes Kind.“ (Mk 1,11). Meine Lebensgeschichte ist damit eine Liebesgeschichte mit Gott, eine Beziehungsgeschichte, mein Leben und mein Glauben werden sozusagen miteinander verwebt, gewirkt, und der Heilige Geist ist das Schiffchen, das den Kettfaden führt. Glauben (lat. credere –cor dare) heißt dann nichts anderes als das Herz geben, das Herz schenken, d. h. sich in der Person Jesus Christi zu verwurzeln. Eigentlich ist es doch ganz einfach, denke ich: Ich muss nur mein Herz schenken, seines hat mir Gott doch längst geschenkt Diese Erkenntnis trifft mich ganz unverhofft beim Wandern während meiner Exerzitien, ich bin allein unterwegs, in der Abgeschiedenheit Oberfrankens – und in aller Deutlichkeit. Und ich spüre die erleichternde und hoffnungsvolle Wärme, die von diesem

Wort cor dare ausgeht. Es ist für mich einfacher zu verstehen mein Herz zu verschenken. Ja, so kann ich mir das vorstellen, mein Herz, das, was ich zu geben habe, an ein Du zu verschenken. Noch vor wenigen Tagen habe ich einen Satz gehört, der mich berührt hat und daran anknüpft: „Wenn Gott die Liebe ist, ganz und gar, dann kann ich gar nicht anders als ihn mit aller Kraft zurückzulieben.“ Ein gewichtiger Satz, einer, der es in sich hat, der bleibt, der sich verwurzelt in meinem Leben und aus dem Leben erwächst und gleichzeitig dem Leben entgegenwächst. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Jesu sehr gerne Fragen stellt? „Wen suchst Du?“ fragt der Auferstandene Maria von Magdala (Joh 20,15). „Wen suchst Du, Ute?“ Wir dürfen diese Frage auch an uns gerichtet verstehen: Wen suchen Sie und ich? In seiner Frage ist die Antwort schon impliziert: Vergiss es nie, da ist etwas geschehen, am Anfang deines Lebens, als du in der Taufe hineingetaucht wurdest, in das Leben des einen Gottes, der da ist Vater, Sohn und Hl. Geist. Den sollst du suchen, ein Leben lang, er hat dich beim Namen gerufen. Und mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser verstehe ich mich als ein Teil dieser 2000 Jahren alten Suchbewegung der Kirche.

Da ist das Wort „Berufen“ – mein zweiter Gedanke.

Im 2. Hochgebet heißt es: „Gott, wir danken Dir, dass Du uns berufen hast.“ Berufung – ein altmodisches Wort? Nein, denn, kennen wir sie nicht alle, diese unbeschreiblichen Momente, die alles verändern, manchmal ganz unerwartet, und doch so vehement. Das sind die Augenblicke, denen man am liebsten mit Goethe zurufen möchte: „Verweile doch, du bist so schön“ – das Erleben eines Sonnenaufgangs in der Einsamkeit, der Moment des Ankommens am Gipfelkreuz nach einer Bergwanderung, der erste Kuss, das Wiedersehen eines lieben Menschen, eine Geste des Trostes u. v. m. Ich nenne sie die leuchtenden Augenblicke des Lebens. Manchmal erkennen wir die Leuchtkraft dieser Augenblicke nicht sofort. Es scheint, als müssten sie mit uns noch ein gutes Stück des Weges gehen, bis wir ihre Wärme und ihr Strahlen spüren können, die unser Leben wie ein immerwährendes Licht begleiten und uns anvertraut sind. Als im Zuge der friedlichen Revolution am 9.November 1989 in Berlin die Mauer fiel, war ich 21 Jahre alt, Studentin der Archäologie in Bochum. Die Welt stand Kopf, die innerdeutsche Grenze war geöffnet – ein für mich wahrhaft historischer, leuchtender Augenblick, der mein Leben nicht nur nach außen als Bürgerin der neuen Bundesrepublik schlagartig veränderte. Er sollte auch meinen persönlichen Lebensweg und den meiner Familie prägen. Rückblickend kann ich sagen, berufen mitten im Leben, ganz unerwartet, als wir als junge Familie berufsbedingt, 1994 aus Mainz nach Sachsen und etwas später nach Zeitz an der Weißen Elster in Sachsen-Anhalt umzogen, einer Stadt, in die ich mich sofort verliebte und der ich bis heute  sehr verbunden geblieben bin. In dieser Zeit durfte ich die Menschen mit ihren vielfältigen Lebens- und Glaubenserfahrungen in der Diasporagemeinde, ihrer besonderen Geschichte in der DDR, wo Kirche zum Schutzraum der Gläubigen gegenüber Willkür und Verfolgung wurde, wahrnehmen. Es hat mich zu einer neuen intensiven Auseinandersetzung mit meinem eigenen Glauben und dem damit verbundenen Glaubenszeugnis als junge Erwachsene gebracht. Ich habe gespürt, dass die Symbiose der Begegnungen vor Ort, die Geschichte der Menschen genau zu diesen besonderen Momenten werden, die alles verändern: zu leuchtenden Augenblicken meines eigenen Lebens. Heute verstehe ich diese Zeit als eine Berufungszeit, dort liegen die Wurzeln für meine Entscheidung noch einmal Theologie für pastorale Dienste in Würzburg zu studieren und in den hauptamtlichen pastoralen Dienst zu gehen.

Berufung heißt: Gott ruft mich, ruft Sie, in die besondere Verantwortung für die Menschen, das Reich Gottes zu verkünden, mit den Menschen das Reich Gottes zu suchen, dass, wie er verspricht, bereits begonnen hat. Er ruft uns, Kirche zu gestalten. Mit Ihnen gemeinsam stelle ich mich in den Dienst der Menschen auf ihrem von Gott geschenkten Weg, sich ihnen in ihrem Alltag und ihren vielfältigen Anliegen, heilend, verkündigend und seelsorglich zuzuwenden, unterwegs zu sein für die Sache Jesu für den Dienst an unserer Gemeinschaft im SB Bornheim-Vorgebirge , SB Bornheim An Rhein- und Vorgebirge und SB Alfter und den Aufbau der Kirche von Köln.

 

Da ist das wirkungsvolle Wort „Segen“ – mein dritter Gedanke

Und schließlich wurden wir unter den Segen Gottes, unter das gute Wort Gottes gestellt, und ausgesendet in die Gemeinden. Um dessen große Wirkkraft hören wir Jesus im Lukasevangelium sagen: „Wer Euch hört, hört mich.“ (Lk 10,16). Jesus identifiziert sich mit mir, mit allen, die zu ihm gehören. Wir alle sollen nur das tun, was er selbst tut: mit Freude für ihn wirken zum Heil der Menschen und Verkündigung der Frohen Botschaft, von der Liebe Gottes, das Evangelium leben und damit Christus erkennbar werden lassen. Wie kann das gelingen? Keine einfache Frage. Es braucht eine enge Verbindung zu dem Auferstandenen, das eigene Vertrauen wirklich bei mir zu sein, aus guter Kenntnis heraus zu handeln und vor allem braucht es die Nähe im lebendigen Austausch mit Christus Ein hoher Anspruch, dem man im Leben nur entgegenwachsen kann. Sendung ist nie fertig. Alles wirkliche Leben ist Begegnung und wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass mir der Satz des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber sehr am Herzen liegt –- im Gegenüber, im Nächsten, im Dialog Christus zu erkennen.

Und daher freue ich mich sehr mit Ihnen meine Berufung weiter zu entfalten, ganz persönlich, aber nie allein, nicht im Alleingang, aber doch auf eigenen Füßen, nicht als Alleinunterhalterin sondern im Dialog, nicht als Einzelkämpferin, aber doch mit ganzer Kraft, ganz persönlich unverwechselbar ich selbst, mit meiner ganzen Existenz und Person, klar und deutlich mit meinem Profil, nicht halbherzig und unentschieden, mit festem Willen aber nicht eigenwillig sondern höchstpersönlich im Angesicht Gottes, der die Liebe ist (nach P. Weismantel, Domvikar in  Würzburg)

Seien Sie behütet in allem, was ist

Ihre und Eure Ute Trimpert, Gemeindereferentin

Für die Seelsorebereiche Alfter, Bornheim- An Rhein-und Vorgebirge und Bornheim-Vorgebirge

Gott und ich – wir zusammen sind immer die Mehrheit!

(Teresa von Ávila, 1515-1582)