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26.05.2021 Wochenimpuls

HIER. Bei DIR-Tagesimpuls der Hoffnung des SR Alfter/Bornheim

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Die lesende Maria

Bornheim, den 25.05.2021

Liebe Maria,

es ist Dein Monat- der Marienmonat Mai. Ich sehe wunderschön und liebevoll geschmückte Marienfiguren und Altäre mit Deinem Bild. Mich berührt die Verbundenheit der Menschen mit Dir und gleichzeitig spüre ich, dass Du etwas mit mir und meinem Leben zu tun hast.  Mit dir Maria fängt alles an. Ich möchte einmal versuchen, dies in Worte zu fassen.  Es tut mir gut, es aufzuschreiben. Doch gleichzeitig muss ich Dich etwas Persönliches fragen, in der Hoffnung eine Antwort zu finden. Was bedeuten wir einander? Berühren wir einander noch, sind wir uns nah? Gehst Du meinen Lebensweg mit, kannst Du mir noch Vorbild sein, gleichsam eines roten Fadens, an dem ich mich orientieren kann? Nicht immer finde ich eine Antwort. Etwas konkret aufzuschreiben, hilft mir bei dem Versuch klare Gedanken zu fassen. Liebe Maria, ich bleibe hängen an dem Begriff Vorbild. Ein Vorbild ist doch für mich jemand, den ich vor Augen habe, ein Bild, an dem ich für mein Leben Orientierung finde. Und seit bald 2000 Jahren bist Du Vorbild für Generationen von Menschen. Mit Dir verbinden sich über alle Zeiten hinweg Bilder, in denen sich Lebenserfahrungen widerspiegeln. Und auch ich darf meine spiegeln – in aller Freiheit. Maria, wenn ich an Dich denke, habe ich ein vertrautes Bild von Dir im Herzen. Zugegeben, manchmal muss ich es schärfer stellen, damit die Konturen nicht verschwimmen. Ich bin auch davon überzeugt, dass Du mit einem Ort des Herzens fest verbunden bist-bei jedem Menschen anders und wertvoll. Denke ich an Dich, so denke ich an eine selbstbewusste und starke Frau, die die Herausforderung ihres Lebens mit einem schlichten Ja angenommen hat.   Für viele bist Du die Tröstende, die Schmerzhafte, die Trauernde, die Knotenlöserin, die Königin, die Liebliche, die Mutter, die Tochter, die Freundin. So bleibst nah und aktuell, verbindest Deine Wirkkraft bis in die Gegenwart. Aber es setzt sich in mir auch der nagende und fragende Gedanke fest, ob mein Bild wirklich so standfest ist, in diesen so herausfordernden Zeiten für Kirche und Welt, die von Ängsten, Sorgen durchzogen scheinen. Nichts ist doch mehr so, wie es war. Und dann traue ich mich, Dir diese Frage zu stellen. Wo kannst Du mir heute in meinem Leben, das jede Sekunde in Bewegung und permanenter Veränderung ausgesetzt ist, beruhigend nahe sein? Wer bist Du für mich? Vielleicht bin ich dem Versuch einer Antwort ein Stück nähergekommen, weil ich ein Bild von Dir entdeckt habe, dass mich mitten ins Herz getroffen hat. Ein lieber Freund, wir kennen uns nun seit 40 Jahren, hat es mir bei meinem letzten Besuch gezeigt und seitdem geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Du wirst jetzt vielleicht lächeln. Dein Bild trägt den Titel: die lesende Maria. Es hat mich sofort in den Bann gezogen, fühlte mich angesprochen und verstanden. Und wann immer ich Dein Bild betrachte, liebe Maria, muss ich zurücklächeln. Ich sag Dir gerne auch warum. Du musst wissen, das kleine Gemälde, das der italienische Maler Lorenzo Costa um 1525 gemalt hat, ist mit Maria Verkündigung überschrieben und heute in der Gemäldegalerie in Dresden ausgestellt. Es zeigt Dich in legerer Haltung, wie Du dich in ein Buch vertiefst. Der Hintergrund intensiv blau, in meiner Lieblingsfarbe, gehalten. Und genau in dieser Haltung finde ich mich oft selbst wieder, wenn mich ein Buch gepackt hat und ich mir ein gemütliches Plätzchen, z.B. im Garten suche, um es zu verschlingen. Dann vergesse ich alles um mich herum. Ich glaube, es geht Dir in dieser Bildszene genauso. Die Taube scheinst Du gar nicht zu bemerken. Dass etwas geschieht, ahne ich, wenn ich Deine nach hinten wehenden Haaren betrachte. Ich stelle mir vor, Dich aus der Perspektive des Engels anzuschauen, ein Engelsmoment, der Moment, als der Engel zu Dir kommt. Und das Wunderschöne ist – ich darf mit seinen Augen sehen. Das ist in der Tat ein Moment, in dem ich mich Dir sehr nahe fühle. Aber, das ist es nicht allein, glaube ich. Ich stelle mir vor, wie der Engel zu Dir kommt und Dich unterbricht, in dem, was Du gerade tust-vielleicht das Lesen? Und dann, so erzählt es uns Lukas, bist Du bereit Dich unterbrechen zu lassen. Du hörst die Worte des Engels, fragst nach, wie das geschehen soll, um dann mit dem schlichten Satz: „Mir geschehe, wie Du gesagt hast“ (Lk 1,38) zu antworten. Warum, denke ich, stellst   Du dem Engel nicht weitere Fragen und gleichzeitig höre ich Deine Antwort für mich: „Vertraue, mit all deinen Zweifeln in das Nicht Erklärbare hinein“ (Dom Helder Camara). Was machst Du mit mir? Ein Wow-Effekt!! Lasse ich mich denn eigentlich noch unterbrechen für etwas Neues? Gebe ich dem Engel, meinem Gegenüber, Raum zu mir zu treten? Liebe Maria, ich nehme mir vor beim nächsten Angelusläuten inne zu halten, an Dich zu denken, wie Du Dich hast unterbrechen lassen, selbst dann, wenn ich gerade etwas mit ungeteilter Aufmerksamkeit verfolge, so will ich doch die Offenheit wagen, mich unterbrechen zu lassen. Und mir ist bewusst, dass dies oft genug sehr schwer sein wird.  Während ich das schreibe, kommt mir der Begriff Freiraum in den Sinn. Kann Unterbrechung dann nicht auch für neuen Freiraum sorgen? Maria, darf ich Dich etwas fragen? Was wäre geschehen, hättest du Nein gesagt. Man hätte es Dir doch nicht verdenken können. Aber ist das nicht genau der Punkt, oder?  Etwas zu tun, obwohl es so noch nie geschehen ist. Dann ist Dein Tun, Dein Ja die Grundlage für das, was wir Kirche nennen.  Das ist seltsam aktuell. Lass es mich weiterdenken. Wäre es dann nicht an der Zeit uns wieder unterbrechen zu lassen und den Mut zu haben etwas Neues zu wagen, auch dann, wenn wir nicht genau wissen, wohin es uns führen wird? Vom Unterbrechen zum Aufbrechen. Ist das provokant Maria oder eher mutig? Als lesende Maria bist Du mir Vorbild, weil es doch bedeutet von Dir, der Lesenden zu lernen. Die Marienlegenden überliefern, dass du im Psalter gelesen hast, als der Engel Dich angetroffen hat. Ein wunderbares Bild. Lesen heißt doch dann nichts anderes als zu lernen von den Lebenserfahrungen anderer Menschen und der Weise, wie sie diese Erfahrungen deuten. Und ich verstehe die Psalmen als einen wertvollen Schatz an Lebenserfahrungen. Sie sind Begegnung jenseits von Raum und Zeit. Es bringt mir die Menschen nahe. Mein Leben in Dankbarkeit, Lobpreis, Bitte oder Klage-ein gelebter Psalm. Von Dir zu lernen, heißt mit Dir auch einmal alles stehen und liegen zu lassen, mit Dir zu lesen, bedeutet Offenheit und das Abenteuer, neue Denkräume zu entdecken, mit Dir wach und aufmerksam zu bleiben für die Menschen, mit Dir Neugier zu teilen, neue Welten zu entdecken und die Zeichen der Zeit, wie uns schon Papst Johannes XXIII. zum Auftrag machte, im Licht des Evangeliums zu deuten.  Und für mich, liebe Maria, heißt das dann in aller Konsequenz auch, Kirche neu entdecken, visionär denkenden Mut zur Veränderung zu haben, weil mir meine Kirche eben nicht egal ist. Liebe Maria, ich danke Dir für das Lesen mit Dir und ich werde es weiter tun. Und jetzt kann ich es auch schreiben-Du hast mich berührt, bist mir nahe - ein Vorbild. Ich will unterbrechen, um aufzubrechen.

Deine Ute

Seien Sie behütet in allem, was ist.

Ihre und Eure Ute Trimpert

Für das Seelsorge-und Pastoralteam des Sendungsraumes Alfter Bornheim

 

 

Foto:

 Lorenzo Costa - The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH (Publicdomain-Gemeinfrei)