Logo

23.06.2021 Wochenimpuls

HIER. Bei DIR-Tagesimpuls der Hoffnung des SR Alfter/Bornheim

Download Wochenimpuls hier

Foto: F. Krüger; U.Trimpert; J.Schwarz

Eine Mohnblumenliebe

Lieber Leserinnen und Leser,

heute ist der 21. Juni, das Jahr steht auf der Höhe. Bin ich ein wenig wehmütig? Vielleicht. Der längste Tag - turning point, die Tage werden wieder kürzer. Heute Morgen habe ich unseren Freunden in Australien schon einen kleinen Sommersmiley geschickt…

Sommerseele. Sie ist wieder da.  Man kann sie spüren und ich erinnere mich sehr gerne an einem wunderschönen Tag im vergangenen  Juni, an dem ich sie für mich entdeckt habe - ganz unverhofft an einem besonderen Ort.  Und es war eher zufällig. Von  einem Freund mit dem Gespür für den Augenblick habe ich das  Foto eines Mohnblumenfeldes erhalten. Es hatte etwas in mir berührt und ich wollte an den Ort, um es in Natura zu erleben. Und dann hat es mich verzaubert, ganz einfach so, von null auf hundert. Konnte mich nicht satt sehen. Seit diesem Tag bin ich sehr oft dort gewesen, mein flammenrotes berührend schönes Mohnblumenmeer vor Augen, den Duft von Wildblumen-und Kräutern  in der Nase. Nicht selten veränderte der Wind den Anblick. Nie war er gleich.  Man hatte das Gefühl als schwebe es-impressionistisch schön. Ganz in der Nähe der Rhein, für mich ebenso ein Ort der Ruhe, ein Oasenort, um  meine Gedanken einfach einmal tanzen zu lassen. Der Rhein- ein  Sehnsuchtsort, begleitet er mich doch  bereits mein ganzes Leben und  lässt mich nicht los, ob in meiner Geburtsstadt  Wiesbaden, meinen Lebensorten Mainz, Speyer oder in Bornheim im Rheinland.  Manchmal  braucht es kein spektakuläres Ziel oder  Reise sondern nur ein  Mohnblumenfeld am Rhein. Unvergessliche Tage, an dem ich dort meine Sommerseele entdecken durfte. Dort konnte ich sie spüren. Und Corona hatte uns bereits Monate fest im Griff, auch, wenn wir im Sommer etwas durchatmen konnten. Daher  glaube  ich ganz fest daran, dass mich dieser magische Ort, an dem mir der  Atem der Schöpfung so nah war, geholfen hat mir selbst, meinem Herz  ebenso nah zu sein, und damit auch nah an dem, was mir geschenkt ist und wirken darf. Alle Beschreibung hält dem nicht Stand. Es gibt Augenblicke, die man nur schwer beschreiben kann.  Für den einen ist es einfach nur ein Mohnblumenfeld, für mich war es Halt und Inbegriff das Leben zu spüren. Ein weises Zitat aus  dem Alten Testament besagt:“ Anmut und Schönheit entzücken das Auge, doch mehr als beide, die Blumen des Feldes (Jesus Sirach 40,22). Und ich  lese diese Worte, als seien sie  für mich geschrieben. Aber, sind sie das denn  nicht auch? Ich bin sicher, Sie kennen solche Momente der Verbundenheit, die nur unzureichend beschreibbar und dennoch das Herz schneller schlagen lassen, sie  einfach nur da sein dürfen. Warum ich Ihnen dies  heute schreibe? Meine Antwort ist, dass ich seit der Mohnblüte im Juni letzten Jahres diesen Ort immer wieder aufgesucht habe,  ein ganzes Jahr lang. Und in  diesen Tagen jährt sich der Sommertag, an dem ich mich in den Sommerseelenaugenblick verliebt habe. Ich habe die Blüte des Mohns bis in den Herbst begleitet, den Wechsel von der Mohnblüte zu den spätsommerlichen Ackerblumen,  das brachliegende regennasse Feld im scheinbar trostlosen Graubraun des Spätherbstes oder im Schnee,  auch, wenn der kalte Wind einen fast wegwehte. Dass es mich monatlich dorthin zog, ist einfach so passiert, fasziniert von der steten Veränderung der Landschaft verbunden mit  einer kindlich staunenden Vorfreude auf den Frühling und der zu  erwartenden neu einsetzenden Mohnblüte. Die  wunderbare Erkenntnis: „Im Winter atmet die Erde aus, im Sommer holt sie tief Luft“,  habe ich dort wirklich gespürt. Und so wartete ich in diesem Frühjahr auf das erneute Luft holen, auf den Mohn, die wilde Kamille, die Wiesenkräuter. Und so  stand ich dann wieder an meinem Ort der Sommerseele, dort wo der Himmel mich berührt hatte. Alles stimmte - der Rhein, die Gänse, der Wind, die Luft, der Frühsommer, jedoch kein Mohnblumenfeld, kein flammenrotes Meer! Die Mohnblumen blühten, doch nur  in wenigen verstreuten  kleinen Inseln. War ich enttäuscht? Nein, eher wehmütig.  Das trifft es. Hatte ich mich doch so sehr darauf gefreut. Vor einigen Tagen habe ich dann ein Zitat Immanuel Kants gelesen. Manchmal denke ich, ich sollte es lesen. Und es macht mich froh, weil es etwas loslässt und mir,  wie die Blumen des Feldes etwas erklärt, nämlich den anderen Blick auf meine Wehmut, der zu einem Augenblick des Jetzt und zur Sehnsucht werden darf: „Die Schöpfung ist niemals vollendet.“ Heißt das nicht, dass sie sich immer verändert, getragen vom Wind, umfangen vom Atem der Schöpfung. Bewegung, Fortschreiten, Aufbruch, Entscheidungen treffen, sich unterbrechen lassen , der Sehnsucht nachgeben, frei denken, Umwege gehen, nach vorne schauen Perspektivwechsel wagen, bedeuten immer  auch Veränderung, ein Leben lang. Diesen Gedanken finde ich sehr befreiend und gleichzeitig beflügelnd. Übertragen auf mein Mohnblumenfeld wurde  mir mit diesem  Moment der Berührung, der weiter in mir  wirkt, für immer  geschenkt. Und er darf bleiben! Gleichzeitig holt die Schöpfung Atem und ein neues Mohnblumen erwächst, an anderer Stelle, genauso schön, flammenrot  und  voller Leben. Nichts bleibt statisch. Wir sind auf Bewegung hin geschöpft. Ich darf Veränderung wagen, Dinge, Augenblicke wohlgehütet zurücklassen oder besser ihr Leuchten und Wärme weitertragen, die sie niemals verlieren. Die Schöpfung macht es mir vor. Ich bin dankbar. Vielleicht ist Bewegung, das sich Verwehen lassen, die Veränderung, mein roter Faden, der mich zu derjenigen  werden lässt, die ich bin-in aller Freiheit und in Liebe umfangen. Ob Atem der Schöpfung, heilender Geist oder Windhauch.  Er weht , wo er will. Aber er ist da!

Der Herr aber ist der Geist,

wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit

(2 Kor 3,17)

Und ein neues  wunderschönes Mohnblumenfeld tut sich auf. Ist das nicht schön?

Seien Sie behütet in allem, was ist.

Ihre und Eure Ute Trimpert, Gemeindereferentin

Für das Pastoral-und Seelsorgeteam im Sendungsraum Alfter-Bornheim